THE STUDIO ALBUMS 1967-1968 [6 CD/3x2 LP]
November 2006
Durch einen neuen Vertrag mit Reprise Records
sind die Brüder Gibb nun in der Lage, mit dem auf
Wiederveröffentlichungen spezialisierten Label Rhino
Records als Partner, ihr Werk auf den neuesten
technischen Stand zu bringen und die z.T. mehr als 20 Jahre alten Polydor-CDs
zu ersetzen.
Diese erste
Veröffentlichung aus der Reihe umfasst die Jahre 1967 und 1968, also
die ersten drei Bee Gees Alben, Bee Gees 1st, Horizontal und Idea. Natürlich hat sich Reprise
Records nicht lumpen laasen und diese drei Alben in eine
Box gesteckt, die es in sich hat und Bee Gees Fans glücklich machen
wird. Die CDs enthalten als Extras nicht nur die seinerzeits in England
und den USA gebräuchlichen Mono-Mixe, sondern auch Raritäten aus dem
Bee Gees Katalog wie Non-Album-Singles, Singles B-Seiten und auch
unveröffentlichtes Material. So kommen insgesamt 6 CDs zusammen, die in
aufwändig gestalteten Doppel-DigiPaks dem Fan einen ersten positiven
Eindruck des Ganzen vermitteln. Die Booklets enthalten detaillierte
Infos zur Band, zu der Zeit und allen Songs, angereichert mit Fotos,
die selbst eingefleischte Fans bisher kaum kannten.
Noch eins oben drauf setzt die im Sommer 2007 erschienene 6-LP-Box, der
zwar die Mono-Mixe fehlen, die aber mit einem beeindruckenden
großformatigen Booklet punkten kann. Auch das originale Artwork der
Schallplattenhüllen, die hier als Doppel-LPs vorliegen, wirkt im
Großformat weitaus sympathischer und ist absolut kein Vergleich zu dem
Puppenstubenformat der CD-Ausgabe. Außerdem wird man den
soundtechnischen Verbesserungen mit 180-gr-schweren Vinylschallplatten
gerecht, die die Box in jeder Hinsicht zu einen wahren Schwergewicht
machen.
Disc
1 enthält Bee Gees 1st
in Stereo und Mono. Die Stereo Versionen sind digital remastered und
klingen nun wieder ähnlich gut, wie einst auf Vinyl.
Sämtliches
Rauschen ist verschwunden, das Klangbild ist wieder klar und man hört
sauber und deutlich die Gesangsstimmen im Vordergrund. Es ist der große
Vorteil dieser Box, dass Rhino/Warner erstmals auf die originalen
Masterbänder zurückgreifen durften. Polydor musste stets auf Kopien
zurückgreifen und beim Kopieren von Analog auf Digital gab es in der
Vergangenheit stets große Probleme. Heute ist das allerdings kein
großes Problem mehr, was man an den Monomixen hört, denn diese wurde
"nur" kopiert. Trotzdem zeigen auch sie eine wunderbare Transparenz.
Allerdings sind bei Bee Gees 1st
die Unterschiede zwischen den Stereo und Monomixen nicht so gravierend.
Die Monomixe verschlucken einiges der Arrangements, dafür klingt ein
Song wie 'In My Own Time' beinahe besser. Ping-Pong-Stereo war 1967
zwar kein Thema mehr, trotzdem kommt der Effekt immer mal wieder auf.
CD
2 enthält das Bonusmaterial zu Bee
Gees 1st und beginnt mit 'Turn Of The Century' in einer
Version ohne Orchester. Auch die Gesangsparts weichen vom Original ab
und alles klingt etwas unfertig, zeigt aber eindrucksvoll, wie man
damals offenbar versuchte, gerade den unterschiedlichen Ansprüchen und
Möglichkeiten zwischen Mono- und Stereoversion gerecht zu werden.
Besser klingt die abgespeckte Version von 'One Minute Woman'. Hätte man
durchaus als Single B-Seite veröffentlichen können. Und wirklich besser
als das Original kommt die frühe Version von 'I Close My Eyes'. Durch
das Fehlen des Orchesters kommt die Orgel besser zur Geltung. Außerdem
klingt der Titel klarer als die Albumversion.
Nett sind auch die frühe Version von 'Cucumber Castle' und die
alternative Version von 'I Can't See Nobody', aus der man offenbar eine
Soulnummer im Stile der Spencer Davis Group
machen wollte, was jedoch nicht nur nicht gelang, sondern ein wenig
unbeholfen klingt. Die unveröffentlichte Version von 'Craise Finton
Kirk Royal Academy Of Arts' dagegen, unterscheidet sich nur marginal
vom Original und ist weniger spannend.
Interessant ist es auch zu beobachten, welche Wandlungen 'New York
Mining Disaster 1941' durchgemacht hatte, bis man sich für die kargste
aber emotional spannungsreichste Version entschieden hatte. Das ist
hier schön dokumentiert.
Höhepunkt
dieser CD sind aber natürlich die unveröffentlichten Songs. 'Gilbert
Green', ein Song, den die Bee Gees
bereits 1966 - noch in Australien - erstmals eingespielt hatten, gab
man 1967 schließlich an Gerry Marsden (Gerry
& The Pacemakers) ab, der den Song im Sommer
1967, produziert von Robert Stigwod,
einspielte. Hier enthalten ist die wahrscheinlich im April 1967 im
Central Sound Studio aufgenommene Version, jedoch ohne das Arrangement,
das Bill
Shepherd dafür geschrieben hatte (und auf
der Tour 1968 auch live gespielt wurde).
Es ist ein schöner "Robin-Song" hat aber einen schwachen Refrain, der
allzusehr an x-beliebige Hits der damaligen Zeit erinnert und es völlig
zu Recht nicht auf das Album geschafft hat. Ähnlich verhält es sich mit
'House of Lords', einem lustigen Song mit einem herrlichen
Kammer-Pop-Arrangement, das es jedoch etwas übertreibt und auf dem
Album ganz klar gestört hätte.
'All Around My Clock' ist ein netter aber belangloser Song, der ein
wenig an The Who erinnert.
Völlig aus dem Rahmen fallen die zwei restlichen Songs. 'I Got To
Learn' ist eine Spencer-Davis/Steve-Windwood-inspirierte R&B
Nummer. Robin Gibb schafft es tatsächlich
ein wenig wie Steve Winwood zu klingen,
aber das hat mit den Bee Gees nicht viel
zu tun, klingt heute ganz interessant, legt Robin Gibbs
gesangliche Schwächen (gegenüber einem Steve Winwood)
klar offen, zeigt prima Gitarrenarbeit von Vince Melouney
und hat ansonsten aber nur rein historischen Wert.
Das alberne und niemals ernst gemeinte 'Mr. Wallor's Wailing Wall'
klingt wie der Soundtrack zu einem Donald Duck Film, präsentiert in dem
damals kurzzeitig beliebten Ragtime-Stil, den man von Dave
Clark oder so auch schon besser gehört hatte.
Insgesamt zeigen die unveröffentichten Songs und Versionen dieser wunderbaren CD jedoch, dass man durchweg die richtige Wahl getroffen hatte, um mit dem ersten Album der Bee Gees etwas Neues und Eigenes zu produzieren (was gerade im London des Jahres 1967 schwer genug war) und nicht als die x-te Beatles Kopie daherzukommen.
Disc
3 enthält das zweite Bee-Gees-Album Horizontal in den Stereo-
und Monomixen. Auch hier sind die Monomixe "nur"
kopiert, während
die Stereomixe von den originalen Masterbändern remastered wurden. Horizontal hatte es am
ärgsten erwischt, als das Album 1985 für CD gemastert wurde. Der Sound
war muffig, sehr verrauscht, es klang richtig unsauber. Ein Segen, wenn
man da noch das Vinyl im Schrank stehen hatte, egal ob Mono oder
Stereo. Alles klang besser als die Polydor CD.
Doch das ist nun vorbei. Beide Mixe klingen sehr dynamisch, der Monomix
komprimierter als der rundere Stereomix. In der Monoversion sind fast
alle Songs erheblich (bis zu 11 Sekunden kürzer) als in Stereo. Viele
Arrangements wurden in den Hintergrund gemischt, um das Klangbild zu
entlasten. In Stereo dagegen, wird das komplette Spektrum dessen, was
1968 möglich war, auch ausgeschöpft. Allerdings zu Lasten der
Gesangsspuren, die nicht mehr ganz so im Vordergrund stehen, wie im
Monosound.
Dabei muss man sich immer klar machen, dass Mono bis in 70er Jahre
Standard für das Radio war, während sich für zuhause langsam der
Stereosound durchsetzte. Man musste also so produzieren, dass beide
Bedürfnisse befriedigt wurden. Einen guten Stereosound herzustellen,
war dabei noch eine echte Kunst, die zu der damaligen Zeit nicht jeder
beherrschte. Im Gegenteil.
In Deutschland wurde das Album nicht in Mono veröffentlicht.
Radioeinsatz eines englischsprachigen Albums war hierzulande nicht
gängig. Somit kamen die Monomixe nur in England und den USA in den
Verkauf.
Disc 4 enthält die Raritäten aus der Phase Herbst/Winter 1967/68. Da sind einerseits die Singles B-Seiten 'Barker Of The UFO', 'Sir Geoffrey Saved The World' und 'Sinking Ships' aber auch die Single 'Words', die parallel zur Albumveröffentlichung Horizontal erschienen war, es jedoch nicht auf das Album schaffte, da der Song ursprünglich von Georgie Fame aufgenommen werden sollte, da er ihn in dem Film "The Mini Job" sang. Robert Stigwood entschied aber kurzfristig, den Song von den Bee Gees einspielen zu lassen.
Die unveröffentlichten Songs 'Out Of Line' und 'Ring My Bell' sind sehr außergewöhnlich. Beide hätten das Zeug gehabt, zumindest als Single B-Seiten veröffentlicht zu werden. Aber sie lagen fast 40 Jahre in der Schatztruhe! Bei 'Out Of Line' könnte der Grund für dessen Missachtung der Text sein, der nicht ganz zu Ende gedacht wirkt. 'Ring My Bell' dagegen hätte die späten 60er Jahre in jedem Fall bereichert!
Die eigentliche Überraschung dieser CD ist aber die alternative Version von Robin Gibbs 'Really And Sincerely' mit völlig anderem Arrangement, mit Klavier und einer schüchternen Orgel. Robins Stimme klingt sehr rauh und bringt einige ganz ungewohnte Töne hervor. Er schrieb diesen Song, nachdem er nur wenige Tage zuvor das Zugunglück bei Hither Green nur mit Glück überlebt hatte. Das war ihm offenbar noch sehr nahe. Jedenfalls klingt es so und ist vielleicht auch der Grund warum der Song einen Tag später erneut aufgenommen wurde.
Neben dem Klassiker aller Bee Gees Bootlegs 'Mrs. Gillespie's Refrigerator' und dem nicht minder legendären 'Deeply, Deeply Me', beides Songs, die schon in Australien komponiert und eingespielt wurden, und auf dem Acetat enthalten waren, das Papa Hugh Gibb nach London geschickt hatte, und die hier nun in neueren, in England eingespielten Versionen vorliegen, enthält die CD auch noch eine, die zweite, Ende November 1967 von den Bee Gees eingespielte Version des Songs 'Swan Song', der auf Idea erscheinen sollte; allerdings nicht in dieser Version, die klingt, als stamme sie aus der Zeit von von To Whom It My Concern. Erst die dritte, zwei Wochen später eingespielte Version, schaffte es dann auf Idea.
'All My Christmases Came At Once' ist ein Outtake aus dem oben erwähnten Film "The Mini Job", blieb jedoch bis heute unveröffentlicht und leitet auf der CD über zu dem Weihnachtsspecial, welches von den Bee Gees am 1. Dezember 1967 eingespielt wurde und das am Weihnachtstag vom britischen TV Sender ABC ausgestrahlt wurde. Für diese Produktion schrieb die Band den knapp zweiminütigen Song 'Thank You for Christmas', der ein Robin-Song ist, wie man ihn nur lieben kann. Daran schließt sich ein Medley mit Weihnachtsliedern an, eingeleitet von Harry Belafontes 'Mary’s Boy Child', dann das unvermeidliche 'Silent Night' und statt des ausgedruckten 'Hark The Herald Angels Sing' als Ausklang 'The First Noel', allerdings mit einigen Textzeilen aus 'Hark The Herald Angels Sing' (weswegen das möglicherweise durcheinander gebracht wurde).
Disc
5 enthält das dritte Bee Gees Album Idea. Wie mit den beiden Alben
zuvor wurde auch hier eine Mono- und eine Stereoversion hergestellt.
Die Monoversion erschien nur in England und hält eine völlig veränderte
Version des Songs 'Idea' bereit. Ansonsten ist man hier ähnlich wie bei
den Vorgängeralben verfahren. Allerdings hatte Idea
erstmals zwei getrennt voneinader arbeitende Techniker, die sich um die
Mixe kümmerten.
Die Monomixe
wurden auch für die IDEA-Show von Jean-Christophe Averty,
die 1968 für das ZDF produziert wurde, benutzt.
Allerdings
habe ich den Verdacht, dass man hier mit den Minomixen irgendwie
geschlampt hat, denn meiner Meinung nach und nach Vergleich mit dem
Monoalbum auf Vinyl, laufen die Songs alle ganz leicht zu schnell. Das
macht sich nicht immer bemerkbar aber bei 'Kitty Can' etwa hört man
meiner Meinung deutlich den "Mickey-Mouse-Effekt".
Dass 'I've Gotta Get a Message to You' im US-Monomix etwas zu schnell
läuft ist nichts neues und angeblich auch gewollt, obwohl der Stereomix
die normale Geschwindigkeit hat. Komisch!
Auf
der letzten CD, Disc 6 befindet sich die deutsche, bzw.
europäische Single Version im Monomix von 'I've Gotta Get a Message to
You', welche ebenfalls die korrekte Geschwindigkeit aufweist.
Den Einstieg zur 6. CD des Box-Sets macht aber das unveröffentlichte
'Chocolate Symphony', das Anfang Januar 1968 für die schwedische "Pippi
Langstrumpf" Fernsehserie eingespielt wurde. Doch der Song fand genauso
wie 'I Can Lift a Mountain', (später 'We Can Lift a Mountain'),
'Treacle Brown' und 'Four Faces West', die beide von Lori
Balmer kurz später eingespielt wurden, keine Verwendung.
Die Songs der Single 'Jumbo' und 'The Singer Sang His Song' (oder
umgekehrt) sind hier in wunderbarem Stereosound enthalten und klangen
nie besser! Aus der selben Aufnahmesession wie 'Jumbo' stammt auch der
Song 'Bridges Crossing Rivers', der hier erstmals veröffentlicht wird,
jedoch zu den eher schwächeren Songs zählt.
Völlig abseits jeglicher Bewertung steht 'Completely Unoriginal', ein
ebenfalls bis heute unveröffentlichter Comedysong, von dem man nicht
weiß, weswegen oder ob er überhaupt aus irgendeinem Grund aufgenommen
wurde. Sinn macht er keinen.
Robin Gibb wartet dann noch mit einem
"Weihnachtsong" auf. 'Come Some Christmas Eve Or Halloween' erschien
auch auf der Weihnachts-CD My
Favourite Christmas Carols.
Während also die unveröffentlichten Songs auf dieser CD eher uninteressant sind, wartet sie allerdings mit einem interessanten alternativen Monomix von 'Idea' auf, der sich von beiden bekannten Versionen vor allem durch eine gänzlich andere Gesangsspur auszeichnet und möglicherweise für eine geplante Singleveröffentlichung produziert wurde. Beinahe fremdartig klingt auch die alternative Version von 'Kitty Can' (vielleicht die B-Seite), die mit irgendwelchen Jagdhörnen im Hintergrund daherkommt. Sehr eigenartig, aber besser als die ungewohnte Version von 'Let There Be Love', die klingt, als stamme sie vom Album Cucumber Castle.
Abgeschlossen wird diese CD - und damit auch die Box - von drei Songs, die jahrelang mit allen möglichen Mysterien verbunden wurden. 'Gena's Theme' erschien Weihnachten 1968 nur in Deutschland auf einer Langspielplatte der Polydor namens "Ein runde Polydor" in einer auf 1:33 gekürzten Version und später, 1983, ebenfalls nur in Deutschland, in einer 17-LP-Box, machte sich also über all die Jahre immer schön rar, und erscheint nun erstmals auf CD, ähnlich wie die beiden Coke-Jingles, die die Bee Gees 1968 produzierten, die jedoch niemals Verwendung fanden und schon deswegen zu Raritäten wurden. Auch diese waren zuvor auf keinem offiziellen Bee Gees Album erschienen.
Das
Fazit: Ein Anfang ist gemacht - und was für einer! Und
wenn man sich die 40 Jahre Bee Gees Revue passieren
lässt, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie lange sich diese
Wiederveröffentlichungsflut nun hinziehen könnte und man weiß nicht,
wohin das führen wird. Aber mit der vorliegenden Box wurde ein prima
Einstieg gefunden, der die Fans mehr als zufrieden stellen sollte. Drei
Alben auf 6 CDs, bzw 3 Doppel-LPs in wunderbarer Aufmachung.
Bleibt zu hoffen, dass zukünftig diese Reissues ebenso wie diese Box
als Vinyl erscheinen werden. Der Trend zur Schallplatte gerade unter
den älteren Musikfans, die ja auch oft ihre "alten" Schallplatten noch
im Regal stehen haben, ist deutlich zu spüren. Das kann zwar recht
kostspielig werden, besitzt aber einen Sammlerwert, der der CD wohl
kaum zukommen wird. Hat man diese Box in der Vinyl-Version erstmal in
den Händen gehalten, wird man sich der Magie, die sie ausstrahlt, kaum
mehr entziehen können. Und seitdem amazon.de
wieder Vinylschallplatten in sein Programm aufgenommen hat, kann man
diese Box sogar über einen deutschen Händler erwerben.


